Lateinschule

Die Gleiberger Lateinschule

Die Gleiberger Lateinschule wurde vor etwa 460 Jahren eingerichtet. Dieser relativ frühe Zeitpunkt ergibt sich aus der Sondersituation der Siedlung Gleiberg, die 1331 Frankfurter Stadtrecht erhielt. In der "Stadt" bzw. auf der Burg wohnten zahlreiche nassauische Verwaltungsbeamte, Burgmannen und sonstige Bürger, die großen Wert auf eine gute Schulausbildung ihrer Kinder legten.

Der erste namentlich bekannte Lehrer ist Johannes Zigler, der 1557 urkundlich genannt wird. Ihm und seinen ebenfalls mit Namen bekannten Nachfolgern war dreierlei gemeinsam:
1. Sie konnten ihren Lebensunterhalt aus den Einkünften als Lehrer keineswegs bestreiten und richteten daher ständig Bittschriften wegen Erhöhung ihres Einkommens an die vorgesetzten Behörden.
2. Die gleichzeitige Beschäftigung als Kapläne oder Diakone, Orgelspieler und Gemeinde- bzw. Gerichtsschreiber brachte ihnen zusätzlichen Verdienst.
3. Sie alle verließen die offenbar nicht besonders gut dotierte Gleiberger Lehrerstelle wieder, sobald sich ihnen die Möglichkeit bot, eine bessere Position zu erlangen.

Bei jeder Kirchenvisitation wurden den Pfarrern und in den Gemeinden, die eine Schule besaßen, auch den Lehrern, eine Reihe von Fragen vorgelegt, die sie schriftlich zu beantworten hatten. Die ausführlichen Antworten auf diese anlässlich einer Visitation im Mai 1592 gestellten Fragen durch den damaligen Schulmeister Erasmus Orlettius in Gleiberg sind erhalten geblieben und vermitteln interessante Einblicke in den Aufbau der Gleiberger Lateinschule sowie die Art und Weise, wie und was an den Schulen im ausgehenden 16. Jahrhundert gelehrt wurde.

Die Schule bestand aus drei Teilen - einer Elementarschule, einer "Mittelschule" als eigentlicher "deutscher Schule" und einer höheren Lateinschule -, die jedoch räumlich und personell dadurch miteinander verbunden waren, dass sich alle Schüler zusammen in einem Raum befanden und von einem Lehrer unterrichtet wurden. In der Gleiberger Schule wurden nicht nur die elementarsten Kenntnisse im Lesen und Schreiben vermittelt, sondern allen Schülern, die sich als befähigt erwiesen und deren Eltern das jährliche Schulgeld entrichten konnten, war es möglich, die Reife für den anschließenden Universitätsbesuch zu erlangen. In der 3. Klasse, der eigentlichen Lateinschule also, wurde neben Latein auch Griechisch gelernt. Gewöhnlich wurden täglich sieben Stunden Unterricht gehalten: von 6 bis 9 Uhr und von 12 bis 16.30 Uhr.

Seit dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts verlor die Gleiberger Lateinschule offenbar immer mehr an Bedeutung. Besonders die Stadt Gießen stellte mit ihrem vierklässigen Pädagogium, das in engster Verbindung zur 1607 eröffneten Universität stand, eine mehr als ernsthafte Konkurrenz für die Gleiberger Schule dar. Wie aus einem Schülerverzeichnis des Pädagogiums aus dem Jahr 1616 hervorgeht, befanden sich unter den 157 Schülern aus Gießen und der näheren Umgebung auch zwei Söhne von Gleiberger Beamten. Ob zu diesem Zeitpunkt die Lateinschule nicht mehr in dem von Orlettius angegebenen Umfang bestand oder ob sie den Beamtensöhnen nicht gut genug war, muss dahingestellt bleiben.

Der 30jährige Krieg (1618-1648), in dem die Bewohner Krofdorf-Gleibergs und der benachbarten Dörfer von Hunger, Pest und zahlreichen durchziehenden Armeen geplagt wurden und an Schulunterricht kaum gedacht haben dürften, bedingte im 17. Jahrhundert vermutlich den weiteren Niedergang der Gleiberger Schule. Immerhin wurde noch bis zum Jahre 1919 in dem 1974 abgebrochenen Gebäude (ehemaliger Standort: Torstraße gegenüber der Einmündung der Froschgasse), das gleichzeitig als Kaplanei, Rathaus und Schule diente, unterrichtet. Lehrer Lochau, der Verfasser eines damals weithin bekannten Werkes mit dem Titel Heimatkunde des Kreises Wetzlar" ( im Jahre 1901 veröffentlicht ), war der letzte Lehrer an der Gleiberger Schule.